Während andere sich richten, um Freunde zu treffen oder ins Kino zu gehen bzw. sich auf einen ruhigen Abend zu Hause freuen, beginne ich meine Sachen zu packen. Ein Buch, eine Tafel Schokolade, meinen i-Pod, warme Strümpfe, einen dicken Pullover. Ich habe für heute den Dienst von 20 bis 23 Uhr sowie auch den von 23 bis 8 Uhr übernommen. Freiwillig. Ich gehöre zu den gut 70 Frauen und Männern, die für die TelefonSeelsorge Nordhessen an jedem Tag des Jahres rund um die Uhr am Telefon sitzen. Wenn ich ankomme, wird sich die Kollegin schon freuen, dass ich sie ablöse, genauso, wie ich mich morgen dann freuen werde. Ein kurzer Plausch, wie war der Dienst, irgendwelche Besonderheiten, was macht die Familie, wann sieht man sich mal wieder? Man kennt sich teilweise aus der Ausbildungsgruppe sehr gut, manchmal eben nur von der Übergabe.

Was mich heute am Telefon erwartet, weiß ich nicht, genauso wenig, ob heute viele Anrufe eingehen. Da steckt man nicht drin. Wenn es klingelt und ich abhebe ist das, was mich erwartet, immer eine Art Überraschung – üblicherweise aber keine, über die man sich freut. Der 9-jährige Junge, der es seiner Mutter nicht recht machen kann und sich nicht mehr zu helfen weiß. Die hochschwangere junge Frau, die vor zwei Tagen von ihrem Mann wegen einer anderen verlassen wurde. Eine Mutter, die mit der Pflege ihrer Schwiegermutter vollkommen überfordert ist. Der vollkommen vereinsamte Rentner, der nicht mehr weiß, warum er morgens überhaupt noch aufstehen soll.


Ohne ausführliche Ausbildung und die regelmäßigen Supervisionen wäre ich schnell überfordert und es wäre gelogen, wäre ich es manchmal nicht immer noch. Schließlich ist meine ‚Hilfe’ auf das aktive Zuhören beschränkt, ich kann weder den Mann zurückholen noch einen Pflegedienst organisieren. Aber ich kann den Anrufenden mein Ohr leihen, meine Empathie – und manchmal ist schon das eine Hilfe, endlich mal sich alles von der Seele reden zu können, bei jemanden, der zuhört, der interessiert ist und nicht gleich nach zwei Minuten abwinkt. Und manchmal kann man im Gespräch Möglichkeiten aufzeigen, kann gemeinsam Ideen oder Strategien entwickeln. Hin und wieder kann man auf Beratungs- oder Unterstützungsangebote verweisen, von denen die Anrufende nicht wissen, dass es das gibt. Und manchmal kann man nichts anderes tun, als dem anderen bei seinem bitterlichen Weinen zuzuhören.


Jeder Anruf eine neue Herausforderung, auf die man sich ohne Vorbereitung versucht so gut wie nur immer möglich einzustellen. Das kann Kraft und vor allem Nerven kosten, wenn Kinder und Jugendliche die TelefonSeelsorge als Mutprobe nutzen. Wenn man Pech hat, klingelt das Telefon über Minuten beständig und eine Kinderstimme nach der anderen versucht mit an den Haaren herbeigezogenen Themen den TelefonSeelsorger solange wie möglich in der Leitung zu halten. Und wenn es wieder klingelt, weiß ich nicht, ob es wieder diese Kindermeute ist oder einer jener Männer, die die kostenlose Nummer als Sex-Hotline missverstehen oder doch jemand, dem die Seele schmerzt.


Fahre ich zum Dienst, überlege ich mir oft, was ich mir da mache. Warum höre ich mir die Sorgen und Nöte wildfremder Menschen an mit dem Wissen, dass ich erstmal nur zuhören kann. Mit dem Wissen, dass ich nie erfahren werde, ob das Gespräch etwas bewirkt hat? Verlasse ich jedoch die Dienststelle und fahre meinem Milchkaffee entgegen, dann sind diese Zweifel wie weggeblasen, denn es gibt immer Gespräche, an dessen Ende man einfach weiß, dass sie – wenn vielleicht auch nur kurzfristig – geholfen oder etwas bewirkt haben. Wenn statt dem Weinen Wut und Energie zu hören war, wenn ein Anrufender sagt, dass er das aus dieser Perspektive noch nie gesehen hätte, wenn ein Anrufender sich bedankt oder einfach nur sagt, dass es gut getan hat.


Aber es gibt auch Gespräche, die man mitnimmt, die einen nicht loslassen wollen. Über die man lange nachdenkt und später in der Supervision nochmals aufgreift. Diese Gespräche haben meist immer viel mit einem selbst zu tun. Eine doppelte Herausforderung und jedenfalls keine, die immer völlig ohne Wirkung bleibt.